Landtag von Baden-Württemberg 17. Wahlperiode

Kleine Anfrage Drucksache 17 / 223 16.6.2021
des Abg. Bernhard Eisenhut AfD

und

Antwort
des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft

Stichling und Quaggamuschel im Bodensee

Kleine Anfrage

Ich frage die Landesregierung:

  1. Welche Erkenntnisse liegen ihr über die Entwicklung der Population der invasiven Arten der Stichlinge sowie Quaggamuscheln im Bodensee vor?
  2. Welche Erkenntnisse liegen ihr über die ökologischen Folgen, insbesondere für die Tierwelt, durch die Ansiedlung durch Stichlinge sowie Quaggamuscheln im Bodensee vor?
  3. Welche Maßnahmen wurden bereits von welchen Stellen ergriffen, um die Ausbreitung der genannten Arten zu verhindern oder ihr Vorhandensein im Bodensee zu bekämpfen?
  4. Welche weiteren Maßnahmen sind zudem denkbar und werden aus welchen Gründen nicht umgesetzt?
  5. Welche wirtschaftlichen Folgen, insbesondere für die Fischerei, entstanden beziehungsweise entstehen durch die genannten Arten?
  6. Welche Folgen hat die Ansiedlung der Quaggamuschel für die Bodensee-Wasserversorgung?
  7. Welche Stellen haben bereits im Zusammenhang mit den zuvor genannten Arten Mittel in welcher Höhe für welche jeweiligen Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Bodensee-Wasserversorgung, investiert?
  8. Welche weiteren Maßnahmen plant sie in welchen jeweiligen Zeiträumen hinsichtlich der Eindämmung oder Bekämpfung der zuvor genannten Arten im Bodensee?

14.6.2021 Eisenhut AfD

Begründung

Laut dem Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg ist bereits seit den Jahren 2013/2014 eine explosionsartige Ausbreitung des gebietsfremden Dreistachligen Stichlings, welcher zahlenmäßig bereits 96 Prozent des Fischbestands im Bodensee ausmache und eine direkte Konkurrenz zu heimischen Arten darstelle, festzustellen. Zudem ist bereits seit dem Jahr 2016 das Vorhandensein der Quaggamuschel im Bodensee bekannt, welche eine Nahrungskonkurrenz für heimische Arten darstellt, für Einbußen im Bereich der Fischerei sorgt und Folgen, insbesondere im Bereich der technischen Anlagen, für die Wasserversorgung hat. Laut einer Aussage einer Sprecherin der Bodensee-Wasserversorgung im vergangenen Jahr wurde von notwendigen Investitionen in einer dreistelligen Millionenhöhe ausgegangen, welche sich auch auf die Endverbraucher des Trinkwassers auswirken wird. Es gilt darzulegen, wie sich die Situation hinsichtlich der genannten Arten entwickelt hat, welche Maßnahmen ergriffen wurden, künftig in welchen Zeiträumen ergriffen werden und welche finanziellen Auswirkungen hierfür für die öffentliche Hand, insbesondere den Landeshaushalt, letztlich die Steuerzahler, haben werden.

Antwort*)

Mit Schreiben vom 30. Juli 2021 Nr. 5-0141.5/841 beantwortet das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft im Einvernehmen mit dem Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz die Kleine Anfrage wie folgt:

1. Welche Erkenntnisse liegen ihr über die Entwicklung der Population der inva- siven Arten der Stichlinge sowie Quaggamuscheln im Bodensee vor?

Die Quaggamuschel wurde erstmals im Mai 2016 in 25 m Tiefe im Überlinger See bei Wallhausen durch einen Taucher entdeckt. Eine gezielte Suche nach Quaggamuscheln ergab noch im gleichen Jahr mehrere Einzel-Nachweise im Überlinger See, vor Eriskirch, Wasserburg und Lindau, bei Lochau und in der Fußacher Bucht, meist in Tiefen größer 5 m. Bereits im Herbst 2017 konnten in weiten Bereichen der Flachwasserzonen Quaggamuscheln in großen Dichten beobachtet werden. Die schnelle und seeweite Ausbreitung im unmittelbaren Uferbereich bis 1 m Wassertiefe wurde im Rahmen des bereits seit 2003 bestehenden Neozoen- monitorings dokumentiert (www.neozoen-bodensee.de/aktuelles). Um auch die Tiefenausbreitung zu belegen, werden seit 2018 regelmäßig sogenannte Transekte vom Ufer in Richtung Seemitte untersucht. Diese Untersuchungen zeigen, dass die Besiedlung durch die Quaggamuscheln in den tiefen Bereichen tendenziell zunimmt und die Muscheln in größere Tiefen vordringen.

Nach den Recherchen der Fischereiforschungsstelle (FFS) des Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) trat der Stichling erstmals in den 1940er-Jahren im Bodensee auf. Diese im Bodensee nicht heimische Art wurde höchstwahrscheinlich in einem Zufluss des Untersees ausgesetzt und hat sich seitdem im gesamten Bodensee ausgebreitet. Jedoch wurde dieser maximal 10 cm lange Fisch bis 2012 in der Regel nur ufernah beobachtet. Nur einmal wurde in der Vergangenheit von einem Massenvorkommen berichtet. Seit 2013 hat sich die Art zusätzlich in das Freiwasser des Bodensees ausgebreitet. Im September 2014 wurde bei einer systematischen Fischbestandsaufnahme im Bodensee festgestellt, dass 96 % aller im Freiwasser (Pelagial) gezählten Fische Stichlinge waren und diese 28 % der dort anzutreffenden Biomasse bildeten. Nach 2014 bewegte sich die Dichte an Stichlingen im Freiwasser zwischen 1.280 bis 7.990 Individuen/ha. Zu Spitzenzeiten (September 2017) wurden 19.100 Stichlinge/ha registriert. In den letzten beiden Jahren ist eine Bestandsabnahme festzustellen, dennoch dominiert die Art nach wie vor das Freiwasser.

2. Welche Erkenntnisse liegen ihr über die ökologischen Folgen, insbesondere für die Tierwelt, durch die Ansiedlung durch Stichlinge sowie Quaggamuscheln im Bodensee vor?

Quaggamuscheln ernähren sich als Filtrierer. Sie pumpen Seewasser durch ihre Schalen, filtern dabei Plankton aus dem Wasser und fressen dieses. Damit stellen Quaggamuscheln eine Nahrungskonkurrenz für andere Plankton fressende Arten dar. Diese Nahrungskonkurrenz lässt Folgen für das Ökosystem des Bodensees erwarten. Eine gesicherte Aussage über Umfang und Auswirkung dieser Nahrungskonkurrenz ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich. Die Quaggamuschel ist Gegenstand internationaler Forschungsprojekte am Bodensee. Zum aktuellen Zeitpunkt sind noch keine Ergebnisse veröffentlicht.

Nach den Untersuchungen der FFS fressen Stichlinge hauptsächlich Zooplankton und damit nahezu die gleiche Nahrung wie die wirtschaftlich bedeutendste Fischart, das Felchen. Diese Nahrungskonkurrenz führt zu einem verminderten Wachstum der Felchen, welches sich wiederum in einem Ertragseinbruch nach dem Auftreten der Stichlinge manifestiert hat. Man geht von einem Ertragseinbruch von bis zu 25 % aus, die direkt auf die Nahrungskonkurrenz zurückzuführen ist. Darüber hinaus frisst der Stichling aber auch Felcheneier und die Larven der Felchen, welches wiederum zu einem Rekrutierungsdefizit und geringeren Jahrgangsstärken führen kann.

Nun steht zu befürchten, dass die Zooplanktondichte im Freiwasser weiter abnehmen wird, da die Quaggamuschel dem Freiwasser Nährstoffe entzieht, am Boden bindet und somit das Aufkommen an Zooplankton reduzieren wird. Damit würde sich die Nahrungsgrundlage für die Fische weiter reduzieren. Arbeiten an den Großen Seen in Nordamerika zeigen, dass dann die Felchenartigen gezwungen sind, ufernah zu fressen bzw. Muscheln zu konsumieren. Diese energiearme Nahrung führt zu einem weiteren Wachstumseinbruch bei den Felchen. Fische, die bodennah fressen, wie z. B. Rotaugen oder Schleien, könnten von dem Muschelaufkommen dagegen profitieren, da dadurch ihr Nahrungsangebot steigen wird.

3. Welche Maßnahmen wurden bereits von welchen Stellen ergriffen, um die Ausbreitung der genannten Arten zu verhindern oder ihr Vorhandensein im Bodensee zu bekämpfen?

Eine weitere Ausbreitung der Quaggamuschel in einem bereits besiedelten Gewässer zu verhindern, in dem bereits Quaggamuscheln vorhanden sind, ist nahezu unmöglich. Die Muscheln produzieren das ganze Jahr über mikroskopisch kleine Larven, die frei im Wasser schweben und sich so verbreiten. Um eine Ausbreitung der Quaggamuscheln in andere Gewässer zu verhindern, wurde eine Aufklärungskampagne mit entsprechenden Informationsmaterialien durch die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) durchgeführt. Das Informationsmaterial wurde gezielt an Wassersportorganisationen und Yachthäfen verteilt. In baden-württembergischen Seen mit Wassersportaktivitäten wurde das Informationsmaterial über die Landratsämter vor Ort verbreitet. Außerdem wurde die Problematik invasiver Arten auf Fortbildungsveranstaltungen der Internationalen Wassersportgemeinschaft Bodensee und Tauchlehrerfortbildungen platziert.

In Bezug auf den Stichling wurde bisher keine Maßnahmen ergriffen, um eine Ausbreitung der Art zu verhindern oder ihr Vorhandensein im Bodensee zu bekämpfen.

4. Welche weiteren Maßnahmen sind zudem denkbar und werden aus welchen Gründen nicht umgesetzt?

In einem natürlichen Gewässer sind keine Maßnahmen bekannt, die eine weitere Ausbreitung der Quaggamuschel verhindern, ohne das Gewässer anderweitig erheblich zu beeinträchtigen.

Eine Studie der FFS zeigt auf, dass man mit bestimmten fischereilichen Methoden in den Bestand des Stichlings eingreifen könnte. Diese Methoden (Schleppnetz- fischerei, vergleichbar zur Kleinen Küstenfischerei) wurden am Bodensee jedoch noch nicht ausreichend getestet. Auch ist unklar, ob der dafür benötigte zeitliche und finanzielle Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen (Erho- lung Felchenbestände) steht, denn auch andere Faktoren beeinflussen den Fisch- bestand. Ob daher eine Stichlingsbekämpfung alleine den Fischertrag nachhaltig und auch kurzfristig ansteigen lassen würde, ist derzeit unklar.

5. Welche wirtschaftlichen Folgen, insbesondere für die Fischerei, entstanden beziehungsweise entstehen durch die genannten Arten?

Die Berufsfischerei, die auch aufgrund des reduzierten Nährstoffeintrages im Vergleich zu den mesotrophen Zeiten in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren bereits einen beträchtlichen Fangrückgang beim Felchen beklagen musste, leidet besonders stark unter der Nahrungskonkurrenz durch den Stichling.

6. Welche Folgen hat die Ansiedlung der Quaggamuschel für die Bodensee-Wasserversorgung?

Die Quaggamuscheln können Entnahmeleitungen und potenziell auch Anlagenteile des Wasserversorgers besiedeln. Damit erhöht sich der Aufwand für die Aufbereitung des Trinkwassers. Die Qualität des aus dem Bodensee gewonnenen Trinkwassers selbst wird durch die Quaggamuschel nicht beeinflusst. Die Bodensee- Wasserversorgung (BWV) plant in ihrem Projekt „Zukunftsquelle – Wasser für Generationen“ bauliche Maßnahmen zur Änderung der Aufbereitungstechnologie (Ultrafiltration), zur Schaffung einer zusätzlichen Rohwasser-Entnahmestelle und zur Ertüchtigung und Modernisierung bestehender Anlagen. Die Ansiedlung und invasive Ausbreitung der Quaggamuschel im Bodensee ist nur einer von verschiedenen Gründen für dieses Zukunftsprojekt.

7. Welche Stellen haben bereits im Zusammenhang mit den zuvor genannten Arten Mittel in welcher Höhe für welche jeweiligen Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Bodensee-Wasserversorgung, investiert?

Für die technisch anspruchsvolle Trinkwasseraufbereitung der BWV stellt die Ausbreitung der Quaggamuschel eine große Herausforderung dar. Regelmäßig fallen aufwendige Reinigungsmaßnahmen in den Aufbereitungsanlagen an. Insbesondere müssen Siebe in deutlich kürzeren Intervallen und mit erhöhtem Personalaufwand gereinigt werden.

Dem Land liegen keine Informationen zu den monetären Auswirkungen dieses zusätzlichen personellen und betrieblichen Aufwands vor. Auch ist dem Land nicht bekannt, welcher Anteil der gesamten Investitionskosten für das Projekt „Zukunftsquelle“ der BWV im Zusammenhang mit dem Auftreten der Quaggamuscheln steht und welche Mittel diesbezüglich vom Unternehmen bereits investiert wurden oder noch investiert werden müssen.

8. Welche weiteren Maßnahmen plant sie in welchen jeweiligen Zeiträumen hinsichtlich der Eindämmung oder Bekämpfung der zuvor genannten Arten im Bodensee?

Zum Thema Quaggamuschel wird auf die Stellungnahme zu Frage 4 verwiesen.

Eine derzeit in Arbeit befindliche Studie der FFS zeigt auf, dass einige Vertreter der Karpfenfische (z. B. Rotauge und Hasel) sehr intensiv Quaggamuscheln konsumieren. Diese Fischarten könnten regional den Bestand an Quaggamuscheln reduzieren. Daher wäre ein intensiver Schutz dieser Fischarten ratsam.

Walker

Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft

Von T. M.

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